Künstliche Intelligenz in der Notaufnahme

Trotz des medizinischen Unterbaus der App, sehen wir in der Helios Idee, künstliche Intelligenz in der Notfallversorgung einzusetzen, vor allem ein digitales Lenkungstool.

Künstliche Intelligenz findet seinen Weg in den Versorgungsalltag. Was für viele Praxisinhaberinnen und Praxisinhaber in den täglichen Routinen noch ferne Realität ist, will Deutschlands größter Krankenhauskonzern Helios ab 2020 Wirklichkeit werden lassen. Geplant ist eine Gesundheitsplattform, die mithilfe eines auf künstliche Intelligenz basierenden Triage-Tool arbeitet. Das auf Bibliomed erschienene Interview mit Stefan Klemmer, Geschäftsführer von Helios Dialogue wirft Fragen auf.

Konzern sucht neue Wege

Um den ersten Gedankenreflexen zu begegnen. Helios spricht von einer offenen Gesundheitsplattform. Dem Verständnis nach geht es nicht um die singuläre Einführung einer digitalen KI-Lösung für Krankenhäuser des Helios Konzerns. Wörtlich heißt es: Jede Praxis, jedes MVZ und jedes Krankenhaus kann sich beteiligen. Die MFA weisen auch nicht zwingend in eine Helios-Klinik ein, sondern suchen nach der am besten geeigneten Einrichtung in der Nähe des Wohnorts des Patienten. 

Helios positioniert sich so fernab üblicher Leistungsaufträge mit einer digitalen Lösung in der Versorgungslandschaft.

Im Interview ist außerdem die Rede von einer Patienten-App. Gesundheitsplattform, Künstliche Intelligenz und eine Gesundheitsapp? Wie passt das zusammen? An welchen Stellen reiht sich eine mutmaßlich über die App-Stores verfügbare Patienten-App ein?

Künstliche Intelligenz als Szenario für die Notaufnahme

Wir erinnern uns: Die Notaufnahme eines Krankenhauses wird nicht nur nach Vorbild internationaler TV-Arztserien zum Fangnetz aller Erkrankungen. Die Menschen strömen aus unterschiedlichen Gründen und Versäumnissen dorthin, um sich behandeln zu lassen. Auch wenn dem Anlass oft mit mehr Gelassenheit am nächsten Morgen oder Wochentag begegnet werden könnte. Ein starkes Indiz dafür, dass sich der Umgang und die Perspektiven der Menschen mit ihrem Gesundheitssystem verändert haben. Das überlastet die Notaufnahmen und lenkt das medizinische Fachpersonal von den akuten Fällen ab.

Eigentlich erfolgt eine Triagierung erst vor Ort in der Notaufnahme durch das medizinische Fachpersonal. Patienten erhalten eine Dringlichkeitsstufe, die bei einfacher Erkrankungen entsprechende Wartezeiten und Unmut erzeugt. Im schlimmsten Fall kann das Krankenhaus nicht adäquat helfen, was außerdem gegen Überlegungen zur Patientensicherheit spricht. In der Folge sehen wir zusätzlich überlastetes Personal und schlechte Online Bewertungen. Niemanden ist geholfen.

Helios plant offenbar, den Vorgang der Triagierung zu dezentralisieren. Natürlich wird es vor Ort weiterhin eine professionelle Triage geben. Doch den einfachen Fällen kann so adäquat begegnet werden. Bevor ein Patient ins Krankenhaus aufbricht, kann in einem vier- bis siebenminütigen Szenario bestimmt werden, wohin der Patient überhaupt gehört. Ins Krankenhaus oder in die Notfallsprechstunde der KV. Künstliche Intelligenz und medizinische Fachangestellte (MFA) arbeiten Hand in Hand. Der Patient erhält keine Diagnose, sondern eine Orientierung, was in seinem Fall die beste Entscheidung sein kann.

Unser Ziel ist es, den Patienten zu helfen, die von dieser Art der medizinischen Hilfe profitieren. Es gibt Erhebungen, die davon ausgehen, dass man rund 50 Prozent der Plattform-User auch online helfen kann, sodass sie nicht mehr in die „Offline-Welt“ müssen.

Stefan Klemmer, Helios Dialogue

Schlussfolgerungen für die SmartPraxis

Das Helios Vorhaben überbrückt mehrere derzeitig vorherrschenden Szenarien. Sicher wird die Lösung eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung benötigen, um sinnvoll eingesetzt zu werden. Diese Akzeptanz will Helios schaffen in dem man zunächst selektiv in Regionen mit Krankenversicherungen zusammenarbeitet. Grundsätzlich sei man aber in alle Richtungen offen und denke auch an größere Arbeitgeber, die ihren Belegschaften ein solches Tool als zusätzliches Angebot bieten.

Hinzu kommt die Ankündigung der Gesundheitspolitik, die Notfallversorgung zu reformieren. Die an Krankenhäusern vorgesehenen Notfallzentren sind über die heute schon einheitliche Rufnummer 116 117 erreichbar. Helios wird also ein starkes Bewusstsein für seine Lösung schaffen müssen. Denn die digitale Lösung steht in Konkurrenz zum eingeübten Verhalten der Bevölkerung, die im Fall des Falles eben gern einfach zum Telefon greifen könnte. Mit dem selben Gerät wäre die App ein klügerer Ansatz, weil so zumindest noch kein Personal gebunden wird, das am Telefon aufgrund der heterogenen oder schwachen Informationslage keine echte Triagierung vornehmen kann. Strukturiertes Vorgehen mithilfe einer App hat da größeres Lenkungspotenzial. Zumal eine Künstliche Intelligenz – vgl. Ada Health – dazulernen kann und so eines Tages den MFA ein Optimum an Entscheidungshilfe anreichen könnte.

Wer sich verläuft, erzeugt Kosten

Trotz des medizinischen Unterbaus der App, sehen wir in der Helios Idee, künstliche Intelligenz in der Notfallversorgung einzusetzen, vor allem ein digitales Lenkungstool, das stark an die Szenarien an Flughäfen und Einkaufszentren erinnert.

Durch eine geschickte Raumaufteilung versucht man heute schon die Laufwege der Kunden in Shopping-Malls oder auf Flughäfen zu optimieren. Durch bewusst eingezogene Interaktionen z.B. von Fluggästen auf Flughäfen lässt sich deren unberechenbares Verhalten steuern, damit eine reibungslose Abfertigung garantiert wird. Das alles passiert in diesen Bereichen aufgrund ökonomischer Notwendigkeiten. Vor allem lässt sich Geld dadurch einsparen, dass nicht die falschen Patienten das richtige Fachpersonal von deren wichtiger Arbeit abhalten. Oder mit viel menschlichem Aufwand die administrative Lenkung überteuert wird.

Ein Vergleichbares Szenario ist die Nutzung des Bahn Navigators, der mir den Zielbahnhof vorschlägt und ich dort auch gleich das Ticket lösen kann, ohne in Kontakt mit einem Mitarbeiter am Serviceschalter zu kommen. Einigkeit besteht darin, dass der Grad an nötiger Empathie in der Begegnung mit einem Bahnbediensteten im Vergleich zum Notfall ein anderer sein dürfte. Wobei ich mir da als Vielfahrer nicht immer sicher bin. Die Notaufnahme ist in der Regel ein eher hektischer Ort an dem Empathie aufgrund des hohen Drucks nicht immer vordergründig ist.

Gerade Innovationen im Bereich der Arbeitsorganisation von Gesundheitseinrichtungen sind alle Technologien und Methoden vorhanden. Das Einsparpotenzial durch die Digitalisierung bezifferte eine Studie von McKinsey in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Managed Care (BMC) auf 34 Milliarden Euro. Die Studie führt dabei auf den ersten Rängen vor allem Lösungen für einen digitalen Workflow und den so sehnsüchtig erwarteten Datenaustausch an. Allein eine digital unterstützte Triage zur Sondierung, welchen Weg ein Notfallpatient nimmt, wenn er das Gesundheitssystem in Anspruch nehmen möchte, beläuft sich auf 1,2 Milliarden Euro.

Helios schließt im Interview aus, die eigenen Krankenhäuser bevorzugen zu wollen. Dennoch scheint man sich bewusst zu sein, dass die rosigen Zeiten unendlicher Fallzahlsteigerungen vorbei sind. Der Krankenhauskonzern betritt also ein völlig neues Terrain. Das nimmt Einfluss auf die Szenarien der Notfallversorgung und damit auf die Szenarien einer Arztpraxis.

Die bewusste Lenkung von Patientenströmen ist für das Gesundheitswesen eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre. Die Kostenspirale wird auch durch immer bessere und damit kostenintensivere Medizin nicht aufzuhalten sein. Das richtige Matching zwischen Gesundheitseinrichtung und Patient wird damit zur Tugend. War der Beifang an Patienten, die in den letzten Jahren über die Notaufnahmen ins Krankenhaus kamen, willkommen, ändert sich das schlagartig, wenn der Fachkräftemangel und die sich ankündigende Strukturreform für Krankenhäuser in Deutschland heute noch zur Verfügung stehenden Kapazitäten senken. In der Folge ist eine höhere Spezialisierung nötig, um als Krankenhaus wirtschaftlich zu bestehen. Daher ist ein Triage-Tool dieser Ordnung erst der Anfang.

Das Bewusstsein der Menschen ändert sich durch den Einsatz künstlicher Intelligenz

Damit fällt auch der SmartPraxis eine besondere Herausforderung zu. Im Bewusstsein solcher Lenkungstools erneuert sich die Zusammenarbeit zwischen ambulanter Medizin, Kliniken und ihren Patienten. Der Patient akzeptiert derzeit noch die Trennung der Gesundheitssektoren, weil er im Bedarfsfall selten eine Wahl hat. Oft ist es ein mühsames Hin- und Hertragen von Gesundheitsdaten, die Patienten im Kontakt zwischen Krankenhaus und Arztpraxis fallbezogen entstehen. Dezentralisieren wir die Verhältnisse, in denen ein Notfall passiert, ist das immer auch datengetrieben.

Daher kann die Empfehlung nur sein, sich auf die 50% der Notfälle vorzubereiten, die aufgrund neuer Szenarien der Notfallversorgung in die Praxen kommen. Was heute allein auf der Tonspur passiert „, … ich war ja am Wochenende im Krankenhaus , …“ erfolgt künftig angekündigt mit Daten in Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus. Frühestens wenn eine akzeptierte elektronische Patientenakte oder digitale Gesundheitsakte vorliegt, die den Patienten einbindet.

Ein letzter Aspekt ist der, dass sich das Terminmanagement der Ärztinnen und Ärzte ändern wird. Vor allem hinsichtlich seiner Funktionalität. Auch wenn der Patient heute so schnell wie möglich z.B. seinen Hausarzt sehen will und der Umweg über die Praxis-Homepage als Szenario noch eher schwer fällt und das Telefon eine Bevorzugung erfährt; jüngere Menschen, die heute vielleicht 10 Jahre alt sind, wollen in fünf bis 8 Jahren nicht mehr im Wartezimmer sitzen, wenn sie es nicht müssen.

Insofern ließe sich die Triagierung auf die SmartPraxis übertragen. Selbst bei Bestandspatienten, die aufgrund eines Recalls vorsprechen. Die Abfrage zusätzlicher oder veränderter Beschwerden wäre ein Ansatz, den Praxisbetrieb smart umzugestalten. Die traditionelle Online-Terminvergabe leistet das nicht. Hier steht allein die Ressource Zeit im Mittelpunkt. Eine smarte Arztpraxis weicht hier auf die oben näher vorgestellten Szenarien. Patienten müssen nur darauf vertrauen, den für sie besten Termin zu bekommen, wenn sie sich mit ihrem Anliegen und dazu geeigneten Gesundheitsdaten an eine SmartPraxis wenden.

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Frank Stratmann
Mensch, Wissensarbeiter & Mentor