Amazon Care startet als ambulantes Angebot

Amazon bietet zunächst Mitarbeitern im Raum Seattle eine Gesundheitsapp, die sich um unterschiedliche Beratungsanlässe kümmern wird. Amazon zeigt damit, dass sie auch in Zukunft nicht auf staatliche gelenkte oder finanzierte Gesundheitssysteme setzen.

Die Zukunft des Gesundheitsgeschehens ist ungewiss. Das Bundesministerium für Gesundheit lässt über Gottfried Ludewig diese Woche ausrichten, mit der Geschwindigkeit bei der Gesetzgebung wolle man das Gesundheitssystem nicht gefährden, sondern zukunftsfähig machen.* „Der Rest wartet nicht auf uns“, wird Ludewig auf dem Barmer Kongress 2019 zitiert. Welchen Rest er hier meinen könnte, lässt sich aus dem diesem Tweet nicht herauslesen. Doch nimmt der internationale Druck auf das deutsche Gesundheitswesen immer weiter zu und mit Blick auf die Ratspräsidentschaft 2020 sieht sich das Bundesministerium für Gesundheit in der Situation, eine europäische Initiative vorzubereiten.

Bei allem Willen und Mut, jetzt Dinge anzupacken, die bisher gern auch mit einem Tabu belegt waren. Deutschland und seine Akteure im Gesundheitswesen warten schon länger auf das, was die großen Digitalunternehmen in Sachen Gesundheit planen. Dass sie sich dabei nicht an deutschen Gepflogenheiten orientieren, ist längst klar geworden. Und jeder Hausarzt wird derzeit nur ein müdes Lächeln aufbringen, wenn im fernen Seattle Amazon Mitarbeiter Gesundheitsberatungen über eine App angeboten bekommen.

Amazon Care umfasst sowohl die virtuelle als auch die persönliche Betreuung mit telemedizinischen Szenarien über App. Chat, Remote-Video und Nachsorgeuntersuchungen werden berücksichtigt und die persönliche Abgabe von verschreibungspflichtigen Medikamenten an die eigenen Mitarbeiter zu Hause oder im Büro wurden gleich mit organisiert.

Auffällig an Amazon Care ist, dass Amazon nicht nur die eigenen Mitarbeiter im Blick zu haben scheint. Die extrovertierte Darstellung deutet klar auf eine Öffnung des Angebots für andere Akteure hin. Apple und andere Unternehmen bieten derzeit intern Gesundheitsleistungen an, teilweise einrichtungsgestützt und auch digital zugänglich, doch scheint es sich dabei ausschließlich um eine selbstorganisierte Maßnahme zu handeln.

Amazon nimmt sicher bereits andere Unternehmen in den Blick, die einen solchen Service für ihre Belegschaft selbst anbieten könnten. Das amerikanische Gesundheitssystem ist nicht mit dem deutschen vergleichbar. In Deutschland herrscht die Pflichtversicherung und die freie Wahl der Krankenkasse. US-amerikanische Gesundheitssysteme sind eher kleiner, erinnern an Versicherungsgemeinschaften, die auch lokal organisiert sein können. Das Prinzip der Ortskrankenkassen wäre dem schon näher.

Wenn Amazon also in Kürze anderen global aufgestellten Unternehmen einen derartigen Dienst zur Verfügung stellt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auf dem Smartphone eines deutschen Mitarbeiters das Amazon Care Logo aufscheint. Eigentlich gehören diese Menschen dem deutschen Gesundheitswesen an. Damit würde sich eine neue Instanz für gesundheitliche Versorgung vor die hausärztlichen Versorgung des von Deutschland aus organisierten Gesundheitssystems setzen. Bei wachsender Inanspruchnahme in den nächsten Jahren stellt das unser Solidaritätsprinzip in Frage. Denn die Menschen könnten zunächst dort hin, wo Ihnen einfacher geholfen wird. Das Szenario, einen Hausarzt aufzusuchen, hat sich hierzulande seit Jahrzehnten nicht geändert. Anruf, Wartezimmer, Drankommen. Trotz Videosprechstunde und alternativen Optionen, die längst da wären. Amazon wird sicher nicht der einzige Anbieter bleiben. Ob Einzelpersonen von Amazon Care profitieren und wie ein solcher Service buchbar wäre, scheint indes noch völlig unklar.

Amazon selbst sieht Amazon Care als eine Art Erstanlaufstelle mit der Möglichkeit, Erkältungen, Infektionen und kleineren Verletzungen zu begegnen. Auch die Prävention soll ihren Platz erhalten. Labormedizinische Untersuchungen sind aus der App heraus genauso zu organisieren wie andere Tests oder sogar Impfungen.

Noch ist Amazon Care nicht in Deutschland angekommen, doch dürfte es spannend bleiben, zu beobachten, wie Amazon sich mit Blick auf das deutsche Gesundheitssystem verhält. Denkbar ist eine maximale Zurückhaltung, denn international gilt Deutschland als abgehängt. Länder wie Estland fahren Ihr Gesundheitssystem in der Cloud. Die Videosprechstunde gehört in Indien zum Alltag. Amazon selbst hätte also in anderen Regionen der Welt genug zu tun, könnte Deutschland zunächst als ausreichend versorgt einstufen, sich dabei aber bewusst sein, dass die mangelnde Aufgeschlossenheit und unsere nationale Agenda für die Digitalisierung des Gesundheitsgeschehens in seiner Behäbigkeit eines Tages selbst den fortschrittlicheren internationalen Angeboten den Weg ebnet.

*Vor diesem Hintergrund ist die Eile, die Gottfried Ludewig für das BMG deklariert, eher verständlich.

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Frank Stratmann
Mensch, Wissensarbeiter & Mentor