4. eHealth-Day: Bei kritischen Diskussionen nicht wegducken

Während des eHealth-Day aus Hamburg: Die Arztpraxis der Zukunft sieht Emily Andreae eher rosig und technologisch gesehen, vollautomatisiert.

Soeben ging der 4. eHealth-Day der Gesundheitswirtschaft Hamburg offline. Die knackig übersichtlich gehaltene Online-Veranstaltung drehte sich um die Positionen von Emily Andreae und Gottfried Ludewig. Inhaltlich wirkten beide harmonisch abgestimmt. Nur in einigen wenigen Punkte konnte man erkennen, dass Politik und Industrie unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Die Ziele zwischen Bundesministerium für Gesundheit BMG und BITKOM scheinen sich zunehmend anzugleichen, wie das parallel kommunizierte gemeinsame Positionspapier zur Interoperabilität von Gesundheitsdatenzeigt.

Überhaupt seit die Zeit für klare Zuständigkeiten gekommen. Das habe man mit dem Umbau der Gematik bewiesen. Runde Tische hätte kein Ergebnis gebracht, formulierte Ludewig die Entscheidung des BMG.

Emily Andreae – zuvor adesso AG – ist heute bei der Vitagroup tätig und seit 2019 Vorstand des Bitkom Arbeitskreises E-Health. Sie wagte in ihrem Kurzvortrag eine fast schon historisch anmutende Aufarbeitung der gerade volljährig gewordenen Digitalisierung des Gesundheitswesens. Sie verwies auf den Geburt gebenden Skandal um das Medikament Lipobay, in dessen Folge die Entscheidungen zur elektronischen Gesundheitskarte auf den Weg gebracht wurden. Eine legitime Erinnerung, die allzu oft vergessen wird, wenn es um die aktuellen Fragestellungen geht. Und die drehen sich in der Regel auch um die Krisen, die in Folge dieser Entscheidungen erst entstanden. Die Vertrauenskrise zwischen Patienten und Ärzte ist sicher auch unter dem Einfluss eines gesellschaftlichen Wandels im Umgang mit Technologie und Medien geschuldet. Doch die Geldkrise im Gesundheitswesen löste erst eine Systemkrise aus, die sich um die Kompensation mutiger Fehlentscheidungen dreht. So steht heute weniger häufig die Machbarkeit und Akzeptanz im Mittelpunkt als vielmehr die Vergütung digitaler Szenarien.

Gottfried Ludewig begründete in seiner eifrigen Erklärung, warum Digitalisierung überhaupt wichtig sei und vergaß im sich fortsetzenden Gespräch nicht, auch weiterhin an den Mut aller beteiligten Akteure zu appellieren. Das ist trotz vergangener Fehlentscheidungen richtig so. Denn wie er eingangs betonte wartet die Welt nicht auf Änderungen im deutschen Sozialgesetzbuch. Die datengestützte Medizin wird Wirklichkeit. So klammerte er diese Erkenntnis zum Ende der Veranstaltung noch an die Warnung:

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Die Einführung der elektronischen Patientenakte sieht der Chef der Abteilung Digitalisierung und Innovation des BMG im Zeitplan. Trotz der jüngeren, eher deutlicher ausgefallenen Bedenken des Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber. Der habe schließlich die Einführung selbst nicht infrage gestellt, sondern den Krankenkassen eine bereits im Gesetz gewollte Entwicklung als Auflage mit Fristverlängerung gemacht, ein feingranuliertes Rechtemanagement bis zum 01.01.2022 nachzureichen.

Es mag dem Online-Format geschuldet sein, dass solche Gespräche selten richtig hitzig werden. Nur ein einziges Mal rieb man sich an der Fragestellung, ob die Interoperabilität in der DNA des Gesundheitssystems nicht schon ausgeprägter sein könne. Ludewig verwies unter anderem auf SNOMED, das zwar verhältnismäßig spät beim Gesetzgeber Akzeptanz fand. Jetzt allerdings sei es gesetzlich auf den Weg gebracht. Und man müsse es aushalten, dass die Dinge nicht immer perfekt und nicht in jeder Hinsicht von Beginn an verknüpft eingeführt werden könnten. Dem widersprach Emily Andreae aus der Perspektive der Industrie und bezog die Position, mit dem richtigen Willen und weniger Umständlichkeit, hätte man technisch einen längeren Sprung wagen können. Mut und Vorsicht sind dann doch enger verwandt, als man glaubt, wird sich der ein oder andere Teilnehmer gedacht haben.

Zur Smartpraxis

Die Arztpraxis der Zukunft sieht Emily Andreae eher rosig und technologisch gesehen, vollautomatisiert. Die von mir als Teilnehmer eingebrachte Frage im Wortlaut hieß:

Vor welchen Prüfungen steht das Geschäftsmodell der tradierten Arztpraxis? Zu welchen Einschätzungen kommt hier die Vitagroup?

Zu welchen Einschätzungen kommt hier die Vitagroup wollte ich in Erfahrung bringen? Und so gültig wie visionär wurde mir mit dem technologischen Narrativ der maximalen Arbeitsentlastung geantwortet, das viele Ärzte gerade im Zuge der Digitalisierung noch nicht erkennen wollen. Woran das allerdings liegt, welche konkreten Schritte nötig sind, die ambulante Versorgung in ihrem Geschäftsmodell zu novellieren, warf die Antwort leider nicht ab. Meine Nachfrage, ob aufgeschlossene Ärztinnen und Ärzte auch selbst in die Verantwortung gehen sollten, sich als Entwickler smarter Versorgungsansätze zu engagieren, ging leider unter, soll hiermit aber aufgeworfen bleiben.

Das in diesem Kontext von mir gemeinsam mit der Gesundheitswirtschaft Hamburg entwickelte und im Jahr 2019 erstmals durchgeführte Ärzte-Barcamp zur Smartpraxis wird derzeit hinsichtlich der Machbarkeit geprüft. Eigentlich war ein Termin im Oktober anvisiert.

Folge meinem Telegram-Channel. Dort erfahren Sie, ob das Barcamp stattfindet oder doch auf 2021 verschoben werden muss.

Ausblick für Ärztinnen und Ärzte in der eigenen Praxis

Für Ärztinnen und Ärzte biete ich außerdem ab 2021 die gezielt konstruktive Auseinandersetzung außerhalb publikumsintensiver Kongressformate im Rahmen intimer Think-Tank-Treffen unter dem Label FELSENBLICK. Im Zusammenspiel mit dem Ärzte-Barcamp die perfekte Ergänzung, wenn die Auseinandersetzung individuell deutlicher ausfallen soll und das eigene Geschäftsmodell Praxis gemeinsam im Kollegenkreis mutig hinterfragt werden soll. Mehr in Kürze unter betablogr.de

Da ist er wieder der Mut. Und so will ich mit Gottfried Ludewigs abschließendem Appell an die Enthusiasten schließen. Er freue sich über jede Initiative, jede Hilfe und jede Diskussion, die sich nicht wegduckt, wenn die Kritiker sich zu Wort melden. Die falsche Reaktion sei, die Diskussion zu vermeiden, weil sie sich unangenehm anfühlt. Er jedenfalls trete ein für ein auf Daten basiertes Gesundheitswesen nach deutschen und europäischen Wertvorstellungen. Darum müsse im Diskurs sich verändernder Gesundheitsmärkte gerungen werden.

Andre Berichte über den 4. eHealth-Day der Gesundheitswirtschaft Hamburg finden sie in Kürze hier. Auch die Aufzeichnung des 4. ehealth-Day der Gesundheitswirtschaft Hamburg verlinke ich nachträglich an dieser Stelle.

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Frank Stratmann arbeitet als Mentor und Wissensarbeiter mit Akteuren des Gesundheitswesens. Projekte findet er dort, wo die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung und Wandel Gesundheitsunternehmen unangenehm aus der Stresstoleranz kippen lässt.

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Überlegungen hier im Blog drehen sich auch um die mediale Transformation von Gesundheitsbeziehungen. Nach meiner Einsicht verändert die Digitalisierung die Verhältnisse, in denen Gesundheit gelingt. Verändern sich die Verhältnisse, wandeln sich die Beziehungen.
Frank Stratmann
Mensch, Wissensarbeiter & Mentor